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Entwicklung und Stand der Sektenszene in Sachsen

Ausgangslage   -   Landnahme   -   Gruppenaufbau   -   Alltag   -   Wirtschaft
Zeugen Jehovas   -   Okkultismus   -   Wer ist wo?   -   Erfolg?   -   Zukunft

SeitenanfangI. Die Ausgangslage

Bereits vor der Maueröffnung waren einige Gruppen sporadisch in der ehemaligen DDR vertreten. So gab es eine kleine Bhagwan/Osho-Kommune in Ost-Berlin, oder einzelne Personen waren auf Reisen in den Westen Deutschlands angesprochen worden und erhielten vereinzelt Literatursendungen. Von Seiten der kommunistischen Machthaber wurden diese Gruppen als Erscheinung des zu Grunde gehenden Kapitalismus gedeutet. Von daher durfte es sie konsequenterweise in der DDR nicht geben. Aber auch für die Kirchgemeinden waren diese Gruppen eher etwas Fremdes, Exotisches. Allgemein waren sie kein Thema und wurden als uns nicht betreffend angesehen.

SeitenanfangII. Die Phase der Landnahme

Diese Situation änderte sich schlagartig mit der Grenzöffnung 1989. Plötzlich tat sich für diese Gruppen ein völlig neuer Markt auf. Das Behaupten im Westen Deutschlands war zunehmend schwieriger geworden. Trotz des Pluralismus und der großen Toleranz in der Gesellschaft war die öffentliche Kritik nie verstummt und gerade kurz vor der Wende wieder neu intensiviert. Warnungen vor den Methoden diverser Sekten fand man immer wieder in den Medien, und auch im Schulunterricht waren sie ein festes Thema.

So bot der Markt im Osten viele Vorteile:

Inzwischen dürften die meisten dieser „Standortvorteile" aber schon seit einigen Jahren nicht mehr bestehen.

In dieses (aus Sicht der Sekten Neu-) Land wurde nach der Wende eine großangelegte Werbeoffensive gestartet. Sehr personalintensiv und auch mit großem finanziellen Engagement strömten die Gruppen gen Osten. In den ersten Monaten nach der Grenzöffnung und noch einmal verstärkt im Angesicht der Währungsunion begegnete man öfter den Plakaten oder Bücherständen dieser Gruppen in den Citys der Großstädte. Selbst Gruppen, die im Westen Deutschlands inzwischen eine eher untergeordnete Bedeutung spielen, wie z.B. Sri Chinmoy oder die Kinder Gottes, waren mit großer Präsenz vertreten.

Die Vorträge fanden meist in Räumen statt, die ein gutes Image ausstrahlen (Pädagogische Hochschule, Haus der Kultur- und Bildung, Schulen, Hotels, Jugendclubs...). In der Anfangsphase stießen sie dabei auch kaum auf Schwierigkeiten. Seit einigen Jahren sind die Verantwortlichen dort in der Regel aber hellhöriger geworden und schauen sich eventuelle Mieter vorher genauer an. Allerdings kommt es immer noch vor, dass eine Tarnorganisation oder eine Privatperson Räume für einen Vortrag mieten will, ohne dass der entsprechende Hintergrund für den Vermieter erkennbar ist.

Das Ziel dieser Phase kann man als „Landnahme" bezeichnen. Es ging den Gruppen darum, sich das Terrain zu sichern. Das bedeutete zuerst, Adressen von potentiellen Interessenten zu sammeln. Bei Buchverkäufen oder Vorträgen wurde meist gebeten, die eigene Anschrift zu hinterlassen. Den Interessenten wurde versprochen, ihnen noch mehr Material zu schicken. Oder man erfragte auf einem Handzettel die Teilnehmer einer Veranstaltung zu ihrer Meinung zum Vortrag und ihren Themenwünschen für die Zukunft, wobei auf besagtem Zettel auch ein Feld für die eigene Adresse frei war. Anderen wieder legte man einfach eine Teilnahmeliste vor die Nase, in die sie sich einzutragen hatten. An die so erhaltenen Adressen wurden dann Einladungen, persönlich gehaltene handschriftliche Briefe und allgemeines Werbematerial geschickt. Mitunter kam es sogar zu Hausbesuchen. Eine weitere Methode bestand darin, über das Angebot von attraktiven Unternehmungen einen ersten Kontakt herzustellen. Z.B. erging an Studenten die Einladung zum kostenlosen Besuch eines Treffens in Paris.

In dieser Phase begann auch die Suche nach geeigneten Immobilien, d.h. Räumen, Grundstücken... Inzwischen haben einige Gruppen feste Niederlassungen, allerdings meist in den Privatwohnungen geworbener Mitglieder.

SeitenanfangIII. Die Phase des Gruppenaufbaus

Aus den gefundenen Interessenten wurden dann die ersten kleinen Gruppen aufgebaut, die sich regelmäßig trafen. Äußerlich traten die Gruppen in dieser Zeit bedeutend weniger in Erscheinung. Man kümmerte sich dafür intensiv um die Neugeworbenen. Teilweise wurden diese auch in die Zentren in den alten Bundesländern geschickt, um dort voll auf Linie gebracht zu werden. In diesen kleinen Gruppen wurde eine betont herzliche Atmosphäre aufgebaut, relativ schnell waren alle per Du. Die meisten Gruppen dürften diese Phase hinter sich haben.

SeitenanfangIV Die Alltagsphase

In der Regel ist für die Gruppen inzwischen bereits Alltag eingetreten. Der Betrieb in den Zentren läuft normal und routinemäßig wie in Düsseldorf oder München. Geworbene Sachsen sind voll mit in den Ablauf eingespannt. Dies ist ein Vorteil der Gruppen, da sie nun Menschen haben, welche die Mentalität eines Sachsen besser zu treffen wissen. Gegenüber der mitunter etwas forschen und selbstsicheren Art der nichtsächsischen Leiter kommt das besser an und weckt eher Vertrauen. Zu beobachten ist allerdings, dass die Leitungsebene zum großen Teil in den Händen von Mitgliedern aus den Altbundesländern liegt. Die Sachsen werden vor allem für untergeordnetere Tätigkeiten wie Räume organisieren, Post verschicken, Werbezettel verteilen, Versorgungsaufgaben... verwendet.

Gegenüber der starken Präsenz in der Werbephase treten die Gruppen in der Öffentlichkeit bedeutend weniger in Erscheinung. In der Regel sind es kleine Gruppen in den Großstädten, die sich regelmäßig treffen. Ab und an werden öffentliche Vorträge gehalten und mit entsprechender Plakatwerbung auch Außenstehende dazu eingeladen.

Für einige Gruppen haben sich die hochgespannten Erwartungen wohl nicht erfüllt. Das 1991 eingerichtete Dianetik-Zentrum der Scientology-Organisation in Dresden z. B. wurde vermutlich 1995 aufgelöst; ein Versuch, sich in Chemnitz niederzulassen, scheiterte.

SeitenanfangWirtschaftliche Aktivitäten

Aus Sachsen ist dazu der Versuch eines Scientologen bekannt, Teile des Riesaer Stahlwerkes zu kaufen, was allerdings von der Treuhand rechtzeitig gestoppt wurde. Größere Unternehmungen sind aus Mecklenburg-Vorpommern bekannt, wo Scientologen zwei größere Unternehmungen aufgezogen hatten. Im Pilotprojekt Dargen-Usedom waren bereits Millionenbeträge u.a. vom Arbeitsamt geflossen, deren Verbleib bzw. Verwendung teilweise bis heute unklar ist. Eine Firma Heilig-Werbeideen stellte Ortsplan-Orientierungstafeln mit um den Stadtplan gruppierter Werbung auf. Diese Tafeln sind auch in Sachsen weit verbreitet. Nach eigenen Angaben flossen von dort 6 Mill. DM bereits an Scientology, d.h. Geld, das aus unserem Raum stammt. Die Firma ist inzwischen pleite, der Inhaber wegen Steuerhinterziehung verurteilt.

Im Immobilienbereich sind seit 1992 einzelne Scientologen mit ihren Firmen vor allem in Zwickau, aber auch in Dresden und Leipzig aktiv.

Allerdings ist an dieser Stelle auch zu vermuten, dass viele dieser Aktivitäten im Untergrund laufen, so dass man nur die Spitze eines Eisbergs sieht.

SeitenanfangAusnahme: Die Zeugen Jehovas

Die Zeugen Jehovas sind schon seit längerem im sächsischen Raum vertreten. Während der Nazizeit z. T. blutig verfolgt und auch in der DDR verboten (ab ca. 1980 aber stillschweigend geduldet), wurden sie in der Öffentlichkeit nach der Wende wieder präsent. Erstmals sah man wieder Zeugen Jehovas mit den Zeitschriften „Wachtturm" oder „Erwachet" am Straßenrand stehen. Auch durch den vermehrten Bau von Königreichssälen (als Orte ihrer Zusammenkünfte) wurden sie zum Gesprächsthema. Seit 1996 existiert ein „Informationsdienst der Zeugen Jehovas", der in der Öffentlichkeit und den Medien das Bild der Zeugen Jehovas verbessern möchte. Zu diesem Zweck wurde auch die Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung" über die Situation der Zeugen Jehovas in Nazi-Deutschland und der DDR zusammengestellt, welche in vielen sächsischen Städten gezeigt wurde und wird.

Nach langjähriger gerichtlicher Auseinandersetzung mit dem Land Berlin ist es ihnen 2008 gelungen, den Status einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts" zu erlangen.

In Sachsen sind ca. 17.000 Zeugen Jehovas aktiv, was ca. 0,4 % der Bevölkerung entspricht. Der Schwerpunkt liegt dabei im Regierungsbezirk Chemnitz. Die deutschlandweit höchste Konzentration findet man in den Kreisen Stollberg (0,99 % der Bevölkerung), Chemnitz-Land (0,93 %) und Mittweida (0,74 %). Ein größeres „Kongresszentrum" befindet sich in Glauchau. Nach Jahren der Expansion hat die Mitgliederzahl seit 1997 deutschlandweit stagniert bzw. war sie sogar leicht rückläufig (spezielle Zahlen zur Mitgliederentwicklung in Sachsen sind nicht veröffentlicht).

SeitenanfangSonderfall: Okkultismus

Spiritistische Praktiken sind unter einem Teil der sächsischen Jugendlichen verbreitet. Dies geschieht allerdings meist in der Peer-Group der Gleichaltrigen und wird von außen selten bemerkt. Auch gibt es eine größere Zahl kleiner satanistischer Gruppen. Sie sind allerdings nicht in feste Organisationen eingebunden, sondern haben sich als einzelne Freundeskreise gefunden. Kontakte innerhalb dieser Szene laufen vor allem auf den Konzerten von Black- und Death-Metal-Bands ab. In der Regel handelt es sich dabei um ein Jugendphänomen. Gerüchte über einen Zirkel erwachsener Satanisten in Dresden mit angeblichen Menschenopfern haben sich als nicht stichhaltig herausgestellt. Diese jugendlichen Satanistengruppen agieren sehr verborgen und geraten auch schnell mit dem Gesetz in Konflikt (Störung der Totenruhe, gemeinschädliche Sachbeschädigung, Verstöße gegen das Tierschutzgesetz ...). Sie sind vermutlich relativ weit verbreitet. Schwerpunkte der Aktivitäten sind: das Erzgebirge (Freiberg, Annaberg, Marienberg), die Lausitz (Bautzen, Kamenz, Bischofswerda), sowie Dresden, Leipzig und Zwickau.

SeitenanfangWer ist wo?

Hier soll einmal der Versuch unternommen werden, eine knappe Auflistung der in unserem Raum aktiven Sekten mit den Orten ihres Auftretens zu geben:

SeitenanfangHaben sie Erfolg gehabt?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Etwas vereinfacht gesagt: nach unseren Maßstäben: nein; nach ihren Maßstäben: zum Teil ja.

Es war 1990 ein regelrechter Run der ahnungs- und hilflosen ehem. DDR-Bevölkerung auf die Sekten befürchtet worden. Dieser ist trotz des großen Werbeaufwands ausgeblieben. Von den neuen Gruppen in Sachsen hat nach jetzigen Informationen (mit Ausnahme der Zeugen Jehovas) nach wie vor keine über 100 Mitglieder. Die Gründe dafür sind verschieden, einige könnten sein:

Allerdings darf man nach den übertriebenen Befürchtungen jetzt nicht in das andere Extrem verfallen und meinen, es wäre doch kein Problem. Nach ihren eigenen Maßstäben haben die Gruppen durchaus Erfolg gehabt. Sie sind nicht - um einmal diese Begriffe zu verwenden - im Stil vom Massenparteien organisiert, sondern ähneln mehr einer Kaderpartei. Die jeweilige Sekte hat zwar nicht Massen von Mitgliedern, aber wenn sie jemanden hat, hat sie ihn dafür voll im Griff. Die Mitglieder sind, würden wir sagen, 100%ige und können entsprechend eingesetzt werden. Ebenso sind manche Sekten mitunter ganz gezielt auf Positionen in Politik und Wirtschaft aus, in denen sie Einfluss auf Untergebene ausüben können. Betriebe werden z.B. nicht unter-, sondern überwandert: Man steigt in der Chefetage ein und bringt von dort aus die Firma samt Angestellten auf Linie.

Wer in der praktischen „Sektenarbeit" steht, bekommt durch die Beratung auch soviel Leid betroffener Eltern und traurige Lebensschicksale mit, dass er kaum in der Versuchung ist, das als unwichtige Randerscheinung abzutun. Und nicht zuletzt mahnen uns auch die Sektendramen der letzten Zeit (Davidianer in Waco/Texas, Sonnentempler, AUM-Sekte, Heaven’s Gate, 10-Gebote-Bewegung in Uganda), wohin religiöser Fanatismus führen kann.

Wenn wir uns das Gesellschaftskonzept der meisten Gruppen anschauen, so mündet das meist in die Diktatur einer geistlichen Elite (als welche sich die Gruppen in der Regel selbst verstehen). Solange diese Sekten relativ klein sind, ist dem sicher nicht zu große Bedeutung beizumessen. Aber da sie nach wie vor präsent und auch (wenn auch in geringem Maße) am Wachsen sind, sollte man diese Perspektive nicht aus den Augen verlieren.

Deshalb ist das Auftreten dieser Propheten mit ihren Rezepten zur Weltharmonisierung ein Problem und auch eine Gefahr für den Einzelnen und im Endziel für die Gesellschaft (auch wenn bei der derzeitigen Gruppengröße keine direkte Gefahr für die Gesellschaft - wohl aber für den einzelnen - von ihnen ausgeht), welche man im Interesse der Menschen in diesem Land und im Interesse unserer Demokratie im Auge behalten muss.

SeitenanfangAusblick in die Zukunft

Aussagen für die Zukunft zu treffen, ist immer etwas schwierig. Es sollen deshalb nur einige Vermutungen der weiteren Entwicklung genannt werden.

Es ist mit einem langsamen Wachstum der Gruppen auf niedrigem Niveau und einer stetigen Werbetätigkeit zu rechnen. Diese scheint sich aber immer mehr auf den persönlichen Bereich zu verlagern. In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass die Mitgliederzahl der meisten Gruppen stagniert.

Das eigentliche Expansionsfeld der Sekten liegt im Osten. Von dort gemeldete Zahlen sind für hiesige Gruppenleiter mitunter geradezu märchenhaft. Die dortigen Zentren sind inzwischen auch so selbständig, dass unser Raum weder als Ausgangsbasis noch als Durchgangsland in Richtung Osten interessant ist - was er für einige Gruppen in der Planung wohl durchaus einmal war.

Ein größeres Wachstum ist in Sachsen eher beim Esoterik- und Psychomarkt zu beobachten, den man jedoch nicht pauschal in die Sektenecke einordnen darf. Allerdings ist der Verbraucherschutz in diesem Feld noch kaum entwickelt. Vom alten Bundesrat wurde ein Gesetzentwurf zur Regelung der gewerblichen Lebenshilfe eingebracht, der durch die Bundestagswahlen 1998 allerdings wieder erledigt ist. In letzter Zeit scheint sich die Klientel aber mehr vom zumindest teilweise weltanschaulich geprägten Esoterikmarkt in den weltanschaulich neutraleren Wellness-Bereich zu orientieren.

Weiter zunehmen wird wohl auch der Bereich des Spiritismus und Satanismus mit steigendem Beratungsbedarf und (vor allem beim Satanismus) Handlungsbedarf der Strafverfolgungsbehörden.

Eine Renaissance scheint in letzter Zeit der Bereich der Hexen zu erleben, sowohl in seiner spielerischen Teenager-Ausprägung als auch in einer eher naturmystischen Richtung.


Seitenanfang© Gerald Kluge, Beauftragter für Sekten und Weltanschauungsfragen im Bistum Dresden-Meißen
E-Mail: info@sekten-sachsen.de

aktualisiert: 9.12.06

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