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Ratschläge für Betroffene
Wie verhalte ich mich, wenn ein Angehöriger in einer Sekte ist?

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Was sollte man tun?   -   Was sollte man nicht tun?   -   Wie helfe ich Angehörigen?

Bedenken Sie, dass Veränderung zum Leben gehört. Sie kann auch andere Ursachen haben. Nicht jede starke Veränderung eines Menschen deutet auf eine »Sektenmitgliedschaft« hin oder muss negativ gesehen worden.

Seitenanfang1. Was sollte man tun?

  1. Bewahren Sie Ruhe! Panik blockiert. Handeln Sie dennoch umgehend, weil ein Anhänger in der Einstiegsphase für Argumente und kritische Anmerkungen in der Regel noch weitaus offener ist.
  2. Versuchen Sie herauszufinden, wie weit Ihr Angehöriger schon in die Sekte hineingeraten ist. Danach richtet sich mitunter das weitere Vorgehen.
  3. Nehmen Sie Kontakt mit Fachleuten auf. (Adressen)
  4. Informieren Sie sich ausführlich über Lehre und Lebensweise der Sekte. Wie heisst die Gruppe, wie deren Führer? Welche Bücher liest der Angehörige etc.? Scheuen Sie sich auch nicht, ihn direkt anzusprechen und interessiert zu fragen. Wenn Sie gut unterrichtet sind, zweifeln Sie die Sektenlehre an. Dies ist wichtig, bedarf aber der Grundlage gegenseitigen Vertrauens. Beratungsstellen, Elterninitiativen und Sektenbeauftragte können authentisches und objektives Material verschaffen und Hinweise zum richtigen Verhalten bei der speziellen Sekte geben.
  5. Letzten Endes muss die Entscheidung für oder gegen den Eintritt in eine Sekte von Ihrem Angehörigen selbst getroffen werden. Dringen Sie aber darauf, dass er sich eine solche Entscheidung gut überlegt und sich vorher objektiv informiert.
  6. Verabreden Sie mit Ihrem Angehörigen deshalb ein »ritualisiertes« Gespräch, für das Sie konkrete Absprachen treffen: Jeder lässt den anderen aussprechen und versucht vorbehaltlos zuzuhören. Sorgen Sie für eine ungestörte und vor allem sachliche Atmosphäre.
  7. Versuchen Sie, den Betroffenen vor einem definitiven Beitritt zu einem Gespräch mit einem/r Fachmann/frau zu überzeugen.
  8. Sprechen Sie das Thema von sich aus künftig nicht ständig an. Andernfalls verstärken Sie die Verteidigungshaltung Ihres Angehörigen. Möglicherweise rechtfertigt er dann eine Sache, an der er bereits selbst zweifelt.
  9. Stärken Sie das Gemeinsame. Halten Sie weiterhin Kontakt mit ihrem Angehörigen, auch wenn die gemeinsamen Interessen Ihrer Beziehung schwinden. Unterstützen Sie auch seine anderen Sozialkontakte außerhalb der Gruppe. Ein Ausstieg aus einer vereinnahmenden Gruppe fällt umso schwerer, wenn der Aussteigende keine anderen sozialen Kontakte mehr hat und der Ausstieg in eine Einsamkeit führt. Auch wenn auf Ihre Briefe keine Reaktion erfolgt, signalisieren sie dem Sektenanhänger doch, dass es auch noch Menschen außerhalb der Sekte gibt, die sich für ihn/sie interessieren.
  10. Versuchen Sie, Ihren Angehörigen so weit zu bekommen, dass er anfängt, von sich aus zu denken und Fragen zu stellen. Innerhalb der Sekte wird er dazu angehalten, den neuen Glauben bedingungslos und vom Gefühl her anzunehmen.
  11. Stellen sie fest, wie Ihr Angehöriger auf die Sekten-Lebensweise reagiert. Bemühen Sie sich, ihm gegenüber gelassen und liebevoll aufzutreten.
  12. Versuchen Sie herauszubekommen, was die Gründe für den Sekteneintritt waren. Wonach suchte Ihr Angehöriger? Was hat er gefunden? Möglicherweise könnte man darauf hinweisen, dass sich die Pläne ohne Sektenbindung ebenso gut, wenn nicht besser, verwirklichen lassen, und fragen, ob und wie die Sekte eigentlich ihre großen Ideen praktisch verwirklicht. Dabei muss sehr vorsichtig und taktvoll vorgegangen werden, damit keine Feindseligkeit aufkommt.
  13. Auf ähnliche Weise könnten auch Belege geliefert werden für die zur „Bekehrung" angewandten teils fragwürdigen psychologischen Methoden oder - wo es zutrifft - für die politische und finanzielle Motivierung, die man eher hinter den Kulissen als im Rampenlicht findet.
  14. Mit der vereinnahmenden Gruppe wird Ihrem Angehörigen eine neue Identität übergestülpt. Sein altes Selbst ist weiterhin mehr oder weniger verschüttet vorhanden. Sorgen Sie dafür, dass diese alte Identität wach bleibt. Sie kennen Ihren Angehörigen am besten; es bietet sich eine Fülle von Möglichkeiten. Ein Zugang zur bisherigen Identität ist wichtig für einen Ausstieg aus der Gruppe.
  15. Verhalten Sie sich feinfühlend in Auseinandersetzungen, aber bleiben Sie trotzdem fest bei Ihrer eigenen Überzeugung und handeln Sie so, wie es in der jeweiligen Situation am effektivsten ist.
  16. Falls Ihr Angehöriger zu Besuch nach Hause kommt, versuchen Sie so viel wie möglich an alten Freundschaften und Erinnerungen zu erneuern. Erzählen sie ihm/ihr, was in der Welt vorgeht, vor allem gute Nachrichten, um der Sektenpropaganda, dass die Welt ganz und gar schlecht ist, etwas Positives entgegenzusetzen. Vermeiden Sie harte Auseinandersetzungen, sondern sprechen Sie die Gefühlsebene an.
  17. Verhalten sie sich Sektenleitern und anderen Mitgliedern gegenüber nicht feindselig. Alle Möglichkeiten der Verbindung sollten intakt gelassen werden. Aber stehen Sie auch ehrlich zu Ihrer Überzeugung und spielen Sie nicht Sympathie vor, wo keine vorhanden ist.
  18. Vermeiden Sie den Begriff "Sekte". Er führt in der Regel nur zur Konfrontation.
  19. Bedenken Sie auch, dass Sie für die Überredungskunst der Sekte ebenso anfällig sein könnten. Es ist ratsam, Sektenzentren nur in Begleitung eines sattelfesten Freundes zu besuchen.
  20. Wenn Sie überzeugt sind , dass Anlass besteht, aus medizinischen, psychologischen, finanziellen oder anderen Gründen über die Sektenbindung Ihres Verwandten besorgt zu sein, wenden Sie sich an Ihren Abgeordneten und bitten Sie, Ihren Bericht an das Gesundheits- bzw. Jugendministerium weiterzuleiten.
  21. Führen Sie (Tage-)Buch über alles, was mit der Sektenbindung Ihres Angehörigen zu tun hat.
  22. Allgemeingültige Rezepte gibt es nicht, nur Richtlinien, denn jeder Mensch ist verschieden und reagiert anders.
  23. Ein Tipp für Sie selber: Leben Sie Ihr normales Leben weiter! Das Sektenproblem darf nicht alle Lebensbereiche überschatten. Deshalb sollte gerade auch das normale Familienleben und der Kontakt zu Freunden und Bekannten in dieser Situation weiter gepflegt werden. Ebenso sind Aktivitäten, die Ihnen das innere Gleichgewicht wiedergeben bzw. mal vom Sektenproblem abschalten helfen (Wanderung, Konzertbesuch, Urlaub, Verein, Kirchenchor...) immer zu empfehlen.
  24. Ziehen Sie rechtzeitig eine Grenze, wenn Sie feststellen, dass es Sie psychisch zu sehr belastet. Es hilft Ihrem Angehörigen nichts, wenn Sie sich psychisch über die Maßen belasten. Schützen Sie sich, und suchen Sie professionelle Hilfsangebote auf, wenn Sie es selbst nicht mehr vermögen oder im Zweifel darüber sind.
  25. Wenn Ihr Angehöriger aus der Gruppe ausgestiegen ist, sollten Sie ihn nicht mit Vorwürfen und Diskussionen belasten, sondern aufnehmen wie den verlorenen Sohn der Bibel. Er soll spüren: Du bist hier geliebt, egal was Du glaubst, wie Du denkst und was geschehen ist.

Seitenanfang2. Was sollte man nicht tun?

  1. Geben Sie Ihrem Angehörigen oder der Gruppe möglichst keine finanzielle Unterstützung, es sei denn, Sie sind z. B. zu Unterhaltszahlungen verpflichtet (wobei sich auch hier die Beratung durch einen Rechtsanwalt lohnen kann). Sammeln Sie das Geld lieber auf einem Sperrkonto, damit der Angehörige nach dem Austritt eine finanzielle Basis zur eigenen Lebensgestaltung hat.
  2. Händigen Sie keine Originaldokumente aus; geben Sie lediglich Abschriften oder Kopien.
  3. Lassen Sie sich nicht einschüchtern oder verängstigen. Sie sollten auch nicht denken, Sie hätten Grund, sich zu schämen oder alles allein tragen zu müssen. Vielen Familien geht es ähnlich.
  4. Geben Sie nie auf! Die Situation ist nicht hoffnungslos. Aber erwarten Sie nicht unbedingt schnelle Erfolge. Konzentrieren Sie nicht Ihrerseits Ihr Leben auf dieses Problem. Bedenken Sie, dass die Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppe häufig nur eine Phase im Leben des einzelnen ist. Lassen Sie uns wissen, wie die Lage ist und wie wir Ihnen eventuell helfen können, oder Sie auch uns. Es ist für uns immer von großem Nutzen, Information über Sektenaktivitäten zu erhalten. Beiträge zur Produktion von Schriften und zur Deckung der Telefon- und Portokosten helfen, das Arbeitsfeld der Elterninitiativen und Sektenbeauftragten zu vergrößern und zu verbessern. Eine Mitarbeit in der Eltern- und Betroffeneninitiative kann sowohl für Sie wie auch für potentielle weitere Sektenopfer eine Hilfe sein.

Seitenanfang3. Wie helfe ich betroffenen Angehörigen?

Wenn Sie nicht selbst betroffen sind, aber im Verwandten- oder Bekanntenkreis Menschen haben, deren nähere Angehörige von einer Sekte geworben wurden, könnten die folgenden Hinweise zum Umgang mit betroffenen Angehörigen für Sie hilfreich sein. Diese Menschen leiden normalerweise neben den Auswirkungen der Sektenbindung ihres Angehörigen unter der Isolation, dass sie kaum jemanden finden, mit dem sie über dieses Problem reden können, ja dass sie eher spüren, wie sich die Umgebung von ihnen zurückzieht. Deshalb:

  1. Gehen Sie ganz normal mit diesen Menschen um. Wenn sie wie ein rohes Ei angefasst werden, fühlen sie sich ausgegrenzt.
  2. Vermitteln Sie, wenn noch nicht geschehen, den Kontakt zu Fachleuten, die sich in der Sektenszene auskennen bzw. zu Betroffeneninitiativen. (Adressen)
  3. Zeigen Sie Ihr Interesse am Schicksal der Familie bzw. des Sektenmitglieds. Haben Sie keine Angst, die Leute anzusprechen, sie warten mitunter darauf. Es sollte allerdings echte Anteilnahme sein, bloße Neugier wirkt verletzend. Allerdings kann es auch hier ein Zuviel geben: Man sollte nicht dauernd massiv in dem Problem rühren und es darf nicht ständig im Vordergrund stehen. Auch ein betroffener Angehöriger hat das Recht auf Verdrängung, wenn er anders mit dem Problem derzeit nicht fertig wird.
  4. Von Ihnen wird nicht sofort ein Rat oder ein hilfreiches Wort erwartet. Oft tut es den betroffenen Angehörigen einfach gut, einmal über das Problem reden zu können und jemanden zu haben, der ihnen zuhört. Sie erwarten nicht, dass Sie das Problem jetzt lösen sollen.
  5. Seien Sie vorsichtig mit vorschnellem Rat („Wenn der sich so benimmt, dann schmeiß ihn doch gleich raus!") oder billigem Trost („Ach warte nur, in ein paar Wochen ist das schon vorbei."). Normalerweise fehlen Ihnen die Kenntnisse, die Auswirkungen einer Sektenbindung richtig zu beurteilen.
  6. Die Sektenbindung eines Jugendlichen muss nichts über Erziehungsfehler oder die Familienatmosphäre sagen. Ausgesprochene („Na, mit meinen Kindern könnte mir so etwas nicht passieren!") oder unausgesprochene Vorwürfe in dieser Hinsicht sind sehr verletzend und in der Regel auch völlig unzutreffend.
  7. Die Sektenbindung eines Menschen kann über lange Zeit gehen. Erfahrungsgemäß erlischt das Interesse der Umgebung nach einigen Monaten, und die betroffenen Angehörigen sind dann mit ihrem Problem allein. Scheuen Sie sich nicht, auch nach längerer Zeit immer wieder nachzufragen.
  8. Helfen Sie den betroffenen Angehörigen, ein ganz normales Leben zu führen. Ermutigen Sie diese zu Unternehmungen bzw. der Mitarbeit in Gruppen, die Ihnen Kontakte zu Menschen bringen und helfen, vom Sektenproblem abzuschalten. (z.B.: Chor, Verein, Gemeindekreis, Sportgruppe...)

Weitere Internetseiten mit Tipps und Hilfen für Sekten-Betroffene:


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© Gerald Kluge, Beauftragter für Sekten und Weltanschauungsfragen im Bistum Dresden-Meißen
E-Mail: info@sekten-sachsen.de

aktualisiert: 2.8.02

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